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Aktuelles

Die militärische Nutzung sozialer Medien im Ukrainekrieg

Ich bin (leider - Anmerkung der Redaktion) kein Aufklärer. Ich bin Social-Media-Experte. Dennoch glaube ich, dass sich das Weiterlesen für Sie lohnt. Denn unsere beiden Welten haben in den letzten Tagen und Wochen eine erstaunliche Schnittmenge aufgezeigt. An kaum einer anderen Stelle konnten so viele Informationen über die russische Invasion der Ukraine gewonnen werden, wie in den sozialen Medien. Aber der Reihe nach.

Dass Konflikte, Krisen und Kriege auch in den sozialen Medien stattfinden, wurde uns von der Krim, dem Irak, über Syrien bis Berg-Karabach immer wieder vor Augen geführt. Seitdem der islamische Staat seinen Feldzug 2014 online mit der Hashtagkampagne #AllEyesOnISIS auf Twitter begleitete, sind uns beispielsweise Videos von Kampfhandlungen oder Drohnenaufnahmen von Panzerabschüssen auch in der friedlichen Heimat nicht mehr fremd. So finden wir uns in den sozialen Medien, auch als vermeintlich Unbeteiligte, regelmäßig mitten in einem Informationskrieg um die Deutungshoheit über diese Konflikte wieder. Die „Kombattanten“ dieser Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln kennzeichnen und erkennen sich in den sozialen Medien mit Hashtags und Profilfiltern, teilen Propaganda, die die eigene Seite gut dastehen lässt und verbreiten Desinformationen über die Gegenseite. Im Medienzeitalter hat der Krieg sein digitales Spiegelbild auf Social Media gefunden.

Dabei hat besonders Russland eine Reputation für die digitale Konfliktführung gewonnen. Der Einsatz von Desinformations- und Propagandakampagnen konnte seit der Annexion der Krim 2014 beobachtet werden und gewann durch die Wahlbeeinflussung in den USA 2016, zum BREXIT-Referendum 2018 und die Verbreitung von Verschwörungstheorien im Zuge der Corona-Pandemie an Prominenz. Auf der Krim und in der Ostukraine revolutionierte Russland den Einsatz dieser Fähigkeit, indem gezielte Desinformationen und Propaganda auf taktischer Ebene Verwirrung und Verunsicherung stifteten. Auf strategischer Ebene wurde die Reaktion der internationalen Gemeinschaft derart verzögert, dass Russland zunächst am Boden Fakten schaffen konnte. Daher wurden Beobachter schnell hellhörig, als schon zu Beginn des russischen Aufmarsches vor Weihnachten 2021 hunderte Videos auftauchten, welche die Truppenbewegungen beinahe in Echtzeit nachvollziehen ließen.

Truppenbewegungen auf TikTok
Truppenbewegungen auf TikTok

Die Videos wurden von Amateur-Analysten, Open Source Intelligence (OSINT) Spezialisten und von der militärischen Aufklärung mit Neugierde betrachtet. Dass die schnelllebigen sozialen Medien den offiziellen Nachrichtendiensten dabei einen guten Schritt voraus waren, zeigte sich bereits Mitte Februar. Beispielsweise wurde die Verlegung von russischer Raketenartillerie von Social-Media-Nutzern und Analysten mehr als eine Woche vor den offiziellen Stellen entdeckt. OSINT-Spezialist und Twitter-User Rob Lee twitterte dazu: „Bisher waren die meisten Änderungen der russischen Militärpositur in der Nähe der Ukraine öffentlich in den sozialen Medien zu beobachten, bevor sie von US-Regierungsvertretern bestätigt wurden. […] Ganze 9 Tage.“

Dieses Bild änderte sich auch mit dem Beginn der Invasion und der Kampfhandlungen kaum. Truppenbewegungen, Angriffe und ihre Folgen wurden auf verschiedensten Social-Media-Plattformen geteilt und beinahe in Echtzeit von OSINT-Spezialisten und Amateuren analysiert. Mithilfe von Video- und Fotoaufnahmen werden Ort und Zeit von Truppenbewegungen und Kampfhandlungen herausgefunden. Öffentlich zugängliche Feuersatelliten zeigen durch Kampfhandlungen verursachte Brände und können damit Aufschluss über den Ort größerer Gefechte geben. Ebenfalls öffentlich zugängliche Radarsatelliten können die die Abschussstellungen von Flugabwehrsystemen aufzeigen. Letztendlich entsteht so ein erstaunlich präzises öffentliches Lagebild, das durch eifrige Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer laufend aktualisiert wird. Truppenbewegungen, Truppenteile und Vorgehen, gar Hinterhalte - nichts scheint mehr geheim zu halten zu sein.

Eine auf der Basis von OSINT erstellte Lagekarte
Eine auf der Basis von OSINT erstellte Lagekarte

Social Media spielt dabei eine entscheidende Doppelrolle: Als Informationslieferant zur Analyse und als Ausspielungsplattform zur Verbreitung von aufbereiteten Informationen. Aus der schnellen und der weiten Verbreitung der Social-Media-Inhalte zogen Russland und die Ukraine allerdings sehr unterschiedliche Schlüsse im Bereich Operations Security (OPSEC). Russland hatte dem Treiben auf TikTok und der Aufklärungsarbeit des Westens offensichtlich lange genug zugeschaut. Am 20. Februar beschloss das russische Parlament ein Gesetz, dass den russischen Soldaten die Nutzung ihrer Smartphones im Dienst verbat. Berichten zufolge wurden in den Streitkräften Handys konfisziert. So gab es von den einsetzenden Kampfhandlungen und den ersten russischen Truppen in der Ukraine lange keine, bzw. sehr wenige Aufnahmen, die von russischer Seite kamen.

Während sich Russland dadurch offensichtlich taktische Vorteile im Bereich OPSEC erhoffte, stellte sich das kollektive Going Dark der russischen Streitkräfte auf strategischer Ebene jedoch als ein gravierender Fehler heraus. Bereits in den ersten Tagen dominierte die Ukraine den internationalen Informationskrieg und gewann die Deutungshoheit über den Konflikt. Innerhalb weniger Stunden, ja Minuten, dominierten ukrainische Aufnahmen die internationale Berichterstattung in den (sozialen) Medien und jeder noch so kleine Erfolg wurde umgehend zu Propagandazwecken eingesetzt. Die Geschichten der „Schlangeninsel“ und vom „Geist von Kyiv“ sind mittlerweile im Internet durch Memes, Sticker und Hoodies zur Legende geworden. Die digitale Übermacht war so gravierend geworden, dass sich Russland gezwungen sah, sich vom internationalen Internet zu entkoppeln und die Nutzung westlicher sozialer Medien gleich ganz verbot. Der Direktor des NATO Srategic Communications Center for Excellence, Jānis Sārts sagte gar: "Russland hat den Informationskrieg im Westen klar und deutlich verloren".

Die ukrainische Seite verbot ihren Soldaten die Nutzung ihrer Handys offensichtlich nicht. Hunderte Videos zeigen mit Smartphones, Videokameras und GoPros ausgestattete Soldatinnen und Soldaten. Sie filmen Hinterhalte, Gefechtsfelder und erbeutete Fahrzeuge, aber auch die Nachwirkungen von Kampfhandlungen, Tote und Verwundete Russen, sowie ukrainische Zivilisten. In einem Land mit 99,9% Internetabdeckung – ein Umstand den die Russen auch knapp zwei Wochen nach Invasionsbeginn kaum ändern konnten – und in dem 64,6% Social-Media-Nutzerinnen und Nutzer sind, entstehen so hunderte und tausende Puzzlestücke in Form von Videos und Fotos, die zu einem großen Lagebild zusammengetragen werden können. In der Datengewinnung kommen den Social-Media-Plattformen TikTok und Telegram dabei eine besondere Rolle zu. So unterschiedlich die Funktion beider Plattformen ist – TikTok als Kurzvideo- und Telegram als Messenger-Dienst – mutierten beide zu Hauptquellen für OSINT-Analysten. Dabei ist besonders TikTok unter russischen und ukrainischen Jugendlichen sehr beliebt. TikTok verzeichnete in der Ukraine ein rasantes Wachstum und zeigte zuletzt stolze 10,55 Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf, in Russland gar 36 Millionen.

Doch die hunderten und tausenden Aufnahmen und Puzzelstücke können weit mehr als ein öffentliches Lagebild des Kriegsverlaufes zu zeichnen oder zu Propagandazwecken eingesetzt werden. Auf taktischer Ebene können wir feststellen, dass diese Aufnahmen mehr oder weniger gezielt der Internet Crowd in den sozialen Medien und ihren OSINT-Analysten, aber auch dem eigenen militärischen Nachrichtenwesen zur Auswertung und Analyse zugespielt werden. Hobby-Drohnenflieger unterstützen die Online-Aufklärungsarbeit zusätzlich und fliegen ihre Privatgeräte absichtlich in Richtung russischer Stellungen, um Bilder für die militärische Aufklärung zu sammeln. In einigen Fällen wurde gar bereits Steilfeuer mithilfe privater Kleindrohnen in russische Stellungen gelenkt. Der ukrainische Militärgeheimdienst betreibt einen eigenen Telegram-Kanal, dem man Aufnahmen russischer Truppenbewegungen zuspielen kann. Die Informationen fließen dann entweder über die sozialen Medien oder auf militärischem Wege zurück an die Kampftruppe. Ein Modell, dass sich anscheinend so bewährt hat, dass der russische Militärgeheimdienst es schlicht kopierte und nun einen eigenen Telegram-Bot anbietet. Dieser dient allerdings nicht nur der Aufklärung gegnerischer Truppenbewegungen, sondern auch der Identifikation ukrainischer Soldaten zur späteren Eliminierung oder zur personalisierten psychologischen Kampfführung.

Vor Beginn der Kampfhandlungen hatten viele Beobachter – ich selbst eingeschlossen – die Sorge, dass eine massenhafte Nutzung von Smartphones und Kameras zu Aufklärungs- und Propagandazwecken zu Gefahren für die Soldaten führen würde. Neben Sicherheitsrisiken im OPSEC-Bereich wurde dabei oft auf die starken russischen Fähigkeiten in der elektronischen Kampfführung (ELOKA) verwiesen, untermauert durch die Modernisierung ihrer Leer-3 und 1L267 Moskva-1 Systeme. Wie Aufklärung durch ELOKA-Einheiten aussehen kann, zeigen uns auch die sozialen Medien, wie folgendes Bild eines elektronisch aufgeklärten amerikanischen Bataillons in seinem Einsatzraum zeigt. Hinzu kommen zahlreiche Beispiele aus den Jahren seit 2014 im Donbass, wo die Handys ukrainischer Soldaten und ihre Familien Ziel von Propaganda-SMS und Aufklärung für Artillerieschläge wurden.

Aufklärungsergebnisse – auch via OSINT verfügbar?
Aufklärungsergebnisse – auch via OSINT verfügbar?

Doch die Befürchtungen, dass Soldaten durch das bloße Mitführen eines Handys aufgeklärt und bekämpft würden, scheinen sich diesmal nicht zu bewahrheiten. Jedenfalls gab es bisher keine Anhaltspunkte dafür. Mögliche Gründe gibt es viele. Technisches Versagen bei den russischen ELOKA-Systemen und mangelnde Verfügbarkeit von ELOKA-Einheiten auf einer großen Fläche sind nur zwei Erklärungsversuche für die russische Seite. Am wahrscheinlichsten jedoch ist, dass die Ukraine durch acht Jahre Krieg im Donbass den Umgang mit diesen Geräten gelernt hat und ihre Soldaten OPSEC-Regeln verinnerlicht haben und genau wissen, wann und wo sie ihre Handys gefahrlos einsetzen können. Darauf lässt beispielsweise schließen, dass die ukrainischen Soldaten (und Zivilisten) eine erstaunliche Disziplin an den Tag legen keine Aufnahmen eigener Truppen und Truppenbewegungen ins Netz zu stellen. Viele Soldaten scheinen sich zusätzlich mit „Truppenlösungen“ zu behelfen, um ihren digitalen Fußabdruck zu minimieren. Der bloße Einsatz des Flugmodus auf modernen Geräten, das Herausnehmen der SIM-Karte oder das Einpacken des Handys in spezielle faradaysche Behälter, bzw. Alufolie scheinen in der Lage zu sein, millionenteure EOLKA-Systeme wirkungslos zu machen.

Damit steht außer Frage, dass der Ukrainekrieg in den sozialen Medien uns viele Anhaltspunkte, Lehren und Fragen für die Aufklärungstruppe und das Militärische Nachrichtenwesen bescheren wird. Nach knapp über zwei Wochen Kampfhandlungen können wir schon jetzt einige davon absehen: Open Source Intelligence ist mittlerweile so mächtig und schnell geworden, dass Aufklärungsergebnisse beinahe in Echtzeit verfügbar sind. Truppenbewegungen, inklusive ihrer Details sind größtenteils nachvollziehbar. Wie geht man auf dem modernen Schlachtfeld, noch dazu in einem Peer-to-Peer Konflikt im Szenario LV/BV um? Wie militärisch nützlich sind Informationen, die durch die sozialen Medien gewonnen werden? Zweitens haben die tausenden Bilder von der Front ihren Propagandawert zweifelsohne bewiesen. Wie gehen wir angesichts dessen mit der Nutzung von Smartphones auf dem Gefechtsfeld um? Wie täuschen wir künftig die gegnerische Aufklärung? Welche high- und low-tech Mittel stehen dazu zur Verfügung?

Wir sehen in der Ukraine den Kampf zweier unterschiedlicher Systeme strategischer Kommunikation. Auf der einen Seite das zentralistisch gesteuerte Propaganda-Regime in Moskau, gegenüber dem, was man als Graswurzelbewegung in der politischen Kommunikation bezeichnen könnte: Eine Vielzahl von Inhalten unterschiedlich großer Akteure, die durch ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Narrativ zusammenwirken. Ein Zusammenspiel, das – wie es scheint – nicht nur auf strategischer Ebene erfolgsversprechend ist, sondern auch auf taktischer Ebene einige Vorteile mit sich bringt. Es wird mit der Zeit auszuwerten und zu analysieren sein, welchen Effekt Aufklärungsmittel in den sozialen Medien tatsächlich haben. Der taktische Einfluss von auf Social Media gewonnen Aufklärungsergebnissen darf in Ermangelung konkreter Daten durchaus hinterfragt werden. Eindeutiger ist die Lage auf strategischer Ebene. Aufnahmen von Kampfhandlungen und Truppenbewegungen haben dort ihren (propagandistischen) Wert bewiesen. Ob jedoch der „Sieg im Informationskrieg“ voreilig erklärt wurde, wird die Zukunft zeigen.

Die hier beschriebenen und angeschnittenen Thematiken sind international, aber besonders im deutschsprachigen Raum, bisher leider kaum beleuchtet worden. Besonders die militärische Nutzung sozialer Medien und verwandter Kommunikationsdisziplinen ist deutlich unterstudiert, ganz zu schweigen von ihren taktischen Implikationen, wie bspw. in der militärischen Aufklärungsarbeit. So sollten wir ihre Auswirkungen mit all ihren Facetten auch in Zukunft beachten. Der Ukrainekrieg bietet dazu eine Vielzahl an Möglichkeiten und noch dazu in einem Umfang, den wir bisher bei keinem anderen Konflikt beobachten konnten. Ich empfehle Ihnen einen Blick in die sozialen Medien.


Major Paul Strobel ist Leiter der digitalen Kommunikation im Organisationsstab der Invictus Games Düsseldorf 2023. Vor seiner Wiedereinstellung in die Bundeswehr war er Reserveoffizieranwärter der Gebirgsjägertruppe und ziviler Experte für Social Media, politische und gesellschaftliche Kommunikation in Berlin. Er gibt in diesem Artikel lediglich seine private Meinung wieder, die ausschließlich auf Basis öffentlich verfügbarer Quellen gewonnen wurde.